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Corona schadet Öl- und Gasindustrie: Fracking leidet unter Virus

Der Zusammenbruch der Nachfrage nach Öl und Gas durch Corona trifft die US-Schiefergasförderer hart. Jobs sind in Gefahr, Erneuerbare profitieren.

Coronakrise bei den Frackern: Chevron-Anlage in Midland, Texas Foto: Jessica Lutz/reuters

MIDLAND taz | US-Zeitungen sparen nicht mit drastischen Worten: „Einst im Höhenflug, nun dem Absturz nah“ oder „Fracking-Pionier wankt“ lauten die Schlagzeilen. Grund für die Aufregung: Chesapeake Energy, der sechstgrößte Öl- und Gasproduzent des Landes, fällt der Energiekrise als Folge der Covid-19-Pandemie zum Opfer. Das Unternehmen plane, innerhalb der kommenden Tage Konkurs anzumelden, meldete die Nachrichtenagentur Reuters.

Mit Chesapeake aus Oklahoma City trifft es einen Pionier der Schiefergasindustrie, aber es ist nicht das erste Unternehmen. Schon im April war die Whiting Petroleum Corporation betroffen, weitere folgten. Das Desaster trifft eine lange boomende Branche mit Tausenden Jobs, Milliardeninvestitionen liegen auf Eis. Umweltschützer dagegen hoffen auf eine Atempause fürs Klima und einen Konkurrenzvorteil für die erneuerbaren Energien.

Der Zusammenbruch der Nachfrage nach Öl und Gas durch die Pandemie hat die US-Fracking-Industrie hart getroffen. Seit Mitte März fiel die Zahl der aktiven Öl- und Gasbohranlagen in den USA um etwa 50 Prozent und erreichte im Mai das niedrigste Level seit 1987. Die Ölförderung brach um 11 Prozent ein. Laut der Beraterfirma Rystad Energy sind bereits mehr als 100.000 Jobs eingespart worden.

Der Preisverfall bedroht die ganze Industrie, denn die Förderung ist aufwendig und teuer. US-Firmen gelten als Pioniere bei der Technik des horizontalen Bohrens und dem anschließenden „Hydraulic Fracturing“ – dem „Fracking“, das Öl und Gas aus bislang nicht erschließbaren Gesteinsschichten holt.

Netto-Exporteur von Öl und Gas

Mit dem Boom haben sich die USA in den vergangenen Jahren vom Netto-Importeur zum Netto-Exporteur von Öl und Gas gewandelt. Vor allem auf diesen billigen fossilen Rohstoffen beruht die Politik der aggressiven „Energie-Dominanz“, mit der die US-Regierung Märkte und Regierungen auf der ganzen Welt unter Druck setzt.

Der Ölpreis hat sich zwar nach Rekordtiefständen wieder etwas erholt. Jedoch gilt das Fracking schon lange als finanziell extrem risikoreich – und war schon vor der Pandemie in Schwierigkeiten. Die Indus­trie sitzt auf einem riesigen Berg Schulden. Bereits 2019 meldeten laut Institute for Energy Economics and Financial Analysis (­IEEFA) insgesamt 42 US-Fracking-­Firmen Konkurs an. Dabei ging es um fast 26 Milliarden Euro Schulden – doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Für den Export des Gases entstehen derzeit für Dutzende von Milliarden Dollar Terminals an der US-Küste. Auch hier hinterlässt die Coronakrise erste Spuren. „Wir erleben echte Veränderungen in der Nachfrage und eine erneute Skepsis der Investoren gegenüber dem Flüssigerdgas-Boom,“ sagt Clark Williams-Derry, Energie-Finanzanalyst beim IEEFA. „Der Brennstoff hat seinen Glanz verloren. Er ist nicht mehr der Musterknabe des Öl- und Gassektors.“

Nachfrage nach Flüssigerdgas wächst nicht mehr

Es gebe derzeit 60 Prozent weniger bestellte Ladungen als im März. Anfang Juni schickten die USA nur ganze fünf Flüssiggastanker aufs Meer – mit so wenig Volumen wie seit Juni 2017 nicht mehr. Deshalb verzögere sich der Bau von geplanten Exportterminals, sagt Williams-Derry. „Es ist fast sicher, dass ein Teil davon nicht gebaut wird.“

Auch langfristig werde die Nachfrage nach Flüssigerdgas nicht mehr wachsen wie bisher angenommen, sagt der Analyst. „Das gibt den erneuerbaren Energien mehr Zeit, an Boden zu gewinnen – sowohl im Hinblick auf Kostensenkungen als auch auf technologische ­Verbesserungen.“

Für das Klima ist die Krise also positiv – zumindest vorerst. „Durch das Runterfahren der globalen Wirtschaft und dadurch bedingte geringere Förderung werden die Treibhausgasemissionen sicherlich sinken, aber ich erwarte nicht, dass das von Dauer ist“, sagt Colin Leyden, Experte der Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF).

Laut Leyden könnte die Krise aber eine Chance sein. Denn nicht nur beim Verbrauch, sondern auch bei der Öl- und Gasförderung werden große Mengen ­Treibhausgasemissionen freigesetzt. Einerseits entweicht bei Produktion und Transport Methan – der Hauptbestandteil von Erdgas und als Treibhausgas um ein Vielfaches stärker als CO2.

Image des saubersten fossilen Brennstoffs

Anderseits kommen Gas und Öl häufig aus ein und demselben Bohrloch. Ist die nötige Speicher- und Transportinfrastruktur noch nicht vorhanden, wird das Begleitgas abgefackelt, um die sehr viel lukrativere Ölförderung nicht aufzuhalten. In bestimmten Gebieten von Texas führte das zuletzt zu sehr hohen Emissionen. Dabei haftet Gas immer noch das Image des saubersten fossilen Brennstoffs an.

Hier, so Leyden, sollte man ansetzen. In Gesprächen mit Unternehmen versuchen er und seine KollegInnen die Industrie dazu zu bringen, die jetzige Phase verminderter Tätigkeit zu nutzen, um die Produktion sauberer zu bekommen. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, uns auf einen anderen Pfad zu lenken – vor dem nächsten Boom.“

Die Recherche für diesen Artikel wurde durch den American Council on Germany und Clean Energy Wire unterstützt.

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